Im Jahr 2100: Großvater erzählt Geschichten

Von Bosco Servatius (1996), Deutsche Schule Bilbao/Spanien.

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The following text is about an old man, who has invited his family to celebrate together his birthday in the year 2100. He is asked to tell some story from his life.

„Opa, bitte erzähl uns eine Geschichte“. Ich lächelte.Der kleine Tommi kann wie immer seine Neugier nicht im Zaum halten“, dachte ich bei mir. „Na gut, weil du es bist“. „Toll, Danke Opa!“ Er drehte sich um, legte die Hände wie ein Trichter um seinen Mund und rief: „Kommt alle her! Opa erzählt wieder etwas von seiner Vergangenheit“. Der Boden vor meinen Füßen füllte sich plötzlich mit Kindern. „Es ist doch erstaunlich, wie zahlreich meine Verwandtschaft mit der Zeit geworden ist“, dachte ich und nickte zufrieden. Tommis Schwester Lena setzte sich auf meine Sessellehne und sah mich mit großen, vor Erwartung glänzenden Augen an. Ich lehnte mich zurück und begann, gemächlich meine Pfeife zu stopfen, während ich belustigt die neugierigen Gesichter der Kinderschar vor mir ansah. Aus der Küche drangen Geräusche von klirrendem Geschirr in das Wohnzimmer.

„Nun gut, meine Geschichte trug sich vor 81 Jahren zu. Damals war ich noch ein junger Spund von 25. Wie ihr wisst, war ich schon vieles im Leben: Buchhändler und Koch, Lehrer und Filmkritiker. Aber vor allem war ich eins: Detektiv. Damals war ich einem Serientäter auf der Spur, er hatte überall im Land Einbrüche in große Villen und Museen begangen und Reichtümer im Wert von mehreren Millionen Euro erbeutet.“

„Was sind denn Euros, Opa?“, fragte Miriam. „Toll, dass sie mich Opa nennt, obwohl ich ihr Urgroßvater bin“, dachte ich bei mir und lächelte zufrieden.

„Das könnt ihr ja gar nicht wissen“, sagte ich laut. „Das war die frühere Währung von Europa, sie wurde aber 2053 schon abgeschafft und durch den Elda ersetzt.

„Wie viel war seine Beute dann wert?“ fragte Tom. „Nun,1 Euro sind 100 Elda, also einiges.“

„Und was hat der Dieb eigentlich gestohlen?“ meldete sich Lena zu Wort.

„Dieser Dieb hatte sich besonders auf Gemälde des Spät-Impressionismus spezialisiert, aber er ließ auch Schmuck mitgehen, wenn er welchen fand. Deshalb nannte man ihn auch den van Gogh‘schen Langfinger.

„Was ist denn Impressionismus und wer ist dieser van Gogh?“

„Meine Güte, ich glaube ich muss mit dem Direktor eurer Schule reden um euer digitales Lernprogramm zu überarbeiten! Zu meiner Zeit hatte man noch richtige Lehrer, die einem dem Stoff vermittelt haben. Der Spät-Impressionismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene Stile der Malerei die zwischen 1880 und 1905 dem Impressionismus folgten und van Gogh ist einer der wichtigsten Vertreter dieser Stile.“

„Aber das ist doch schon über 200 Jahre her, das interessiert doch keinen“, meinte Tommi.

„Was auch immer, wir kommen gerade vom Hölzchen aufs Stöckchen. Ich war also hinter diesem Langfinger her. Nach einem besonders spektakulärem Einbruch in ein Museum war ich ihm dicht auf der Spur, da wir aufgrund eines Fingerabdrucks am Tatort seine Identität rausbekommen hatten. Er hieß Yūsaku Okiya, ein Japaner.“

„Warum hast du seinen Standpunkt nicht mit dem in seinem Kopf eingepflanzten Chip festgestellt, wenn du seinen Namen kanntest?“ fragte mich Manuel.

„Ich krieg den Jungen viel zu selten zu sehen“, dachte ich. „Er wohnt viel zu weit weg, trotz der komfortablen Reisen bei Ultraschallgeschwindigkeit.“

Ich drehte mich in meinem Sessel und sagte zu ihm: „Damals gab es noch keine eingepflanzten Chips.“

„Warum denn nicht? Damit kann man doch alle Verbrecher aufspüren.“

„Das wurde erst vor 20 Jahren eingeführt. Damals wurde über so etwas noch nicht einmal nachgedacht.“

„Ach so“, meinte Manuel. „Ihr habt ja damals altmodisch gelebt!“

„Diesen Okiya habe ich, zugegebenermaßen, nur mit etwas Glück drangekriegt. Er hat normalerweise immer alleine gearbeitet, aber bei diesem letzten Einbruch in das Museum benötigte er einen Komplizen, um das Alarmsystem auszuschalten. Es war auch der erste Einbruch bei dem er einen Fehler gemacht und seinen Fingerabdruck hinterlassen hat. Ich habe bei diesem Fall eng mit der Polizei zusammengearbeitet und wir haben damals eine hohe Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die uns zum van Gogh‘schen Langfinger geführt hätten. Dieser Komplize folgte dem Ruf des Geldes und verriet uns, wo Okiyas Versteck zu finden war. Ich bin reingegangen und habe ihn ganz alleine gestellt und verhaftet. Euer Opa ist halt ein ganz toller Hecht.“

„Ach Opa, den letzten Teil hast du doch erfunden“ sagte Tommi und lachte.

Die anderen Kinder stimmten in sein Gelächter ein.

„Unverschämtheit!“, rief ich. „Jetzt macht aber, dass ihr in die Küche kommt, sonst kriegt ihr keinen Kuchen mehr ab. Und macht ja den Küchen-Roboter nicht kaputt, der ist ganz neu.“

„Ja, Opa!“, riefen die Kinder im Chor und verließen lachend das Wohnzimmer.

„Ein schöner Geburtstag“, dachte ich, lehnte mich zurück, und zog zufrieden an meiner Pfeife.

Print version: 2100 Opa erzählt – Bosco Servatius

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