Keine “bla, bla” – Interview mit der Klassenlehrerin – Kommentar zum Artikel Soziale Netzwerke und deren Auswirkungen auf unser Sozialverhalten von Luise Kamps und Svenja Henning

Trait d‘union: „Eine Art Filter der Emotionen“, „tote Kommunikation“ und „Zeitfresser“ – so hat der Kinder- und Jugendpsychiaterin Karin K. das Internet bezeichnet. Sind Sie damit einverstanden?

Klassenlehrerin: Obwohl das Internet uns das Leben stark erleichtert, muss ich „ja“ sagen. Das direkte Treffen mit den Freunden und Bekannten, wodurch die Jugendliche einst ihre sozialen Beziehungen bauten und pflegten, geht leider langsam in Vergessenheit. natürlich zugunsten einsamen Sitzens vor dem Bildschirm. Hier entsteht ein Gefahr, dass die nächsten Generationen sich als Roboter verhalten werden, vergessen wie man bestimmte Gefühle und Emotionen äußern kann und werden sich bei der Begleitung der anderen gefesselt fühlen. So verschwinden langsam richtige soziale Kompetenzen, die doch sehr wichtig im menschlichen Leben sind.

Trait d‘union: Bemerken Sie bei Ihren Schülern gewisse Auswirkungen der Nutzung von sozialen Netzwerken?

Klassenlehrerin: Das Vorwärtsdenken war früher bei den Schülern ganz normal. Die meisten bemühten sich ihre Arbeit zu planen und alle möglichen ungünstigen Zufälle vorauszusetzen und zu berücksichtigen. Zum Beispiel, dass sie den Lehrer am nächsten Tag in der Schule nicht treffen oder dass die Bibliothek geschlossen wird. Heute haben sie immer Zeit und machen alles im letzten Moment, so wie dieses Interview. Doch kann man den Lehrer auch per Internet erreichen!? Aber wenn einst der Strom fehlt?

Trait d’union: Viele Lehrer beklagen sich, dass die Aufsätze der Schüler immer schlechter sind und es sehr oft schwer ist, diese zu verstehen. Wie ist Ihre Stellung dazu?

Klassenlehrerin: Als Fremdsprachenlehrerin kann ich sagen, dass das bei vielen Fällen stimmt. Erstens haben die Schüler immer weniger zum Sagen, abgesehen davon ob sie das Thema interessant finden oder nicht. Gewöhnlich schreiben sie kurze Sätze, oft nur Satzäquivalente, benutzen keine Interpunktionszeichen. Am Ende der Arbeit kann man doch geschenkt bekommen. Sollte das den Lehrer in gute Stimmung einführen oder bedeutet, dass der Schüler jetzt nach der Beendung der Arbeit endlich zufrieden ist? Beim ersten Icon-Zeichen war ich schockiert, weil das überhaupt zur Situation nicht passte. Ich versuchte das den Schülern mitzuteilen. Jetzt habe ich mich damit abgefunden. Es kann passieren, dass bald die Schüler ihre Zufriedenheit beim Abiturtest so äußern werden.

Trait d’union: Sehen Sie auch irgendwelche Vorteile des sozialen Netzwerks im Schulleben?

Klassenlehrerin: Weil meine Schüler ziemlich weit voneinander wohnen und sich immer mehr mit Familien- und Schulsachen belastet fühlen, gibt das Internet oft die einzige Chance, am Wochenende etwas Zeit mit den Klassenkameraden zu verbringen. Man muss doch darauf aufpassen, dass das nicht in Rutine geht und bestimmte Grenzen nicht überschrittet werden. Ganz schnell kann man sich daran gewöhnen, weil das aus den allen bekannten Gründen bequem ist.

Trait d’union: Benutzen Sie soziales Netzwerk bei den Kontakten mit Ihren Schülern?

Klassenlehrerin: Ja, warum nicht, aber das ist keine „bla, bla“ sonder eine bestimmte Arbeit, die wir anders nicht ausüben konnten. Letztens haben meine DSD-Schüler die Leseverstehen-Übung per Internet geschrieben, weil unsere Deutschstunden wegen des Abiturs ausgefallen sind. Man muss nur maßhalten.

Trait d’union: Und wer profiziert bei solchem Unterricht per Internet?

Klassenlehrerin: Beide. Die Kommunikation per Internet ergänzt ganz gut unsere direkten Kontakte im Klassenraum. Wir lernen uns besser kennen und die Distanz, die zwischen dem Lehrer und ihren Schülern wegen des Alters entsteht, in nicht so groß. Aber natürlich maßvoll.

Trait d’union: Vielen Dank!